Restaurant-Konzept

Restlos glücklich

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Das perfekte Gemüse für Restlos Glücklich darf gern krumm und unperfekt sein, auch mal eine Druckstelle haben. Denn man weiß: Geschmacklich gibts keinen Unterschied.

Rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich auf dem Müll: Mal sind Gurken zu krumm, mal Äpfel zu klein oder der Salat für den Verkauf schon einen Tag zu alt, essbar wäre jedoch alles. Und geschmacklich nicht vom optisch „perfekten“ Obst und Gemüse zu unterscheiden. Die Initiatoren von „Restlos Glücklich“ in Berlin wollten diesem Missstand nicht länger tatenlos zusehen und gründeten ein Gourmet-Restaurant, wo aussortierte Lebensmittel die Grundlage gehobener Küche bilden.

„Unser Ziel ist, das Thema Wertschätzung für Lebensmittel in Deutschland voranzubringen“, sagt Leoni Beckmann, eine der Gründerinnen. Seit Mitte Mai hat das neue Restaurant in der Neuköllner Kienitzstraße geöffnet – doch schon vorher sorgten die Gründer mit ihrer Idee für Aufmerksamkeit. „Vor etwa zwei Jahren kam meine Freundin Anette Keuchel von einem Urlaub aus Kopenhagen zurück, wo sie ein ähnliches Resto-Projekt kennengelernt hatte“, sagt sie. In London und Amsterdam sind ähnliche Initiativen aktiv. „Wir fanden, dass das auch für Deutschland ein wichtiges Thema ist. Denn hier sind Lebensmittel immer noch sehr günstig und trotzdem herrscht eine Unkultur des Wegwerfens.“ Die beiden setzten sich zum Ziel, zu zeigen, dass das auch anders geht. „Dabei waren zwei Dinge von Beginn an klar“, sagt Beckmann. „Zum einen wollen wir mit einem Restaurant demonstrieren, dass sich mit geretteten Resten auch ein gehobener kulinarischer Anspruch verwirklichen lässt. Zum anderen war unser Plan, mit den Gewinnen Bildungsprojekte zu finanzieren – wie Kochkurse, die Kindern einen Bezug zum Essen und dessen Wert vermitteln.“

Über soziale und andere Medien sprach sich das Projekt schnell herum, über ein Stipendium erhielten sie ein Coaching für den Businessplan – und vor etwa einem Jahr starteten die Initiatoren schließlich über Startnext das Crowdfunding für ihre Idee. Innerhalb eines Monats kamen 26.000 Euro zusammen – genug, um die Pläne Wirklichkeit werden zu lassen. Und wer jetzt ins Restlos Glücklich zum Essen kommt, kann sich selbst überzeugen, dass das Konzept aufgeht: Ein Restaurant, für das die gleichen Regeln gelten wie für andere der Branche. Während Leoni vorne an der Bar Weingläser nachpoliert, ist Koch Dennis Pattloch in der Küche gut beschäftigt, das Menü des heutigen Tages zuzubereiten. „Schon früher habe ich in der gehobenen Gastronomie gearbeitet“, sagt Pattloch. „Doch ich wollte etwas komplett Neues auspro bieren und bin dann bei Internetrecherchen zum Thema Nachhaltigkeit auf dieses Projekt gestoßen“, erklärt er, während er eine Zwiebel schneidet. „Die größte und spannendste Herausforderung ist bei Restlos Glücklich, dass hier jeden Tag improvisiertes Kochen gefordert ist. Nichts lässt sich im Voraus planen. Daher haben wir den Ehrgeiz, jedes Mal aus dem, was wir gerade bekommen, das Allerbeste herauszuholen.“ Das alles erfordert ein hohes Maß an Kreativität, Erfahrung und Kompetenz – zum Rezeptsuchen ist kaum Zeit.