Reiner Enderle

Der einarmige Meisterkoch

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20 Jahre arbeitet Reiner Enderle bereits als Koch, als er durch einen Verkehrsunfall seinen linken Arm verliert. Trotz des Schicksalsschlags erfüllt er sich einen Lebenstraum: Er legt die Meisterprüfung ab.

Reiner Enderle gehört zu denen, die ihn erlebt haben, diesen einen Tag im Leben, der von jetzt auf gleich alles verändert. Es ist der 12. Juni 2013. Der 44-Jährige arbeitet als Koch im Hotel Ochsen in Merklingen nahe Ulm. „Das Geschäft brummte, ich hatte wie verrückt gearbeitet“, erinnert er sich. Endlich Mittagspause. Keine 20 Minuten sind es bis zu ihm nach Hause im Dörfchen Wiesensteig, wo er mit Frau und zwei schulpflichtigen Kindern wohnt. Obwohl er sich unwohl fühlt – „mein Kopf war voll, meine Physis angeschlagen“ – fährt er los. Heute weiß Enderle: „Ich hätte das Motorrad stehen lassen sollen.“ Hat er aber nicht. Er folgt dem Gedanken „Helm aufsetzen und abschalten“ und braust davon. Weit kommt er nicht. Beim Überholen eines Lastwagens prallt Enderle frontal gegen den Hänger eines Traktors. Das Unfallopfer verliert sofort das Bewusstsein. Sein linker Arm ist aufgerissen, der linke Oberschenkel fast durchtrennt, der Blutverlust enorm. Weil Lebensgefahr besteht, wird Enderle mit dem Rettungshubschrauber in die Uni-Klinik Ulm geflogen, wo er elf Tage lang im Koma liegt und ihm der linke Arm als Folge einer Blutvergiftung amputiert wird.

„Mein erster Flug in einem Helikopter – und ich kriege nichts mit“, sagt Enderle und feixt herzhaft über seinen eigenen Witz. Das Lachen ist nicht aufgesetzt, sondern wie sein Humor, der oft an Sarkasmus grenzt, ein Markenzeichen des gebürtigen Baden-Württembergers. Die Lust am Leben hat Enderle nie verloren. „Im Gegenteil. Ich habe viel Spaß. Ich lebe bewusster denn je und empfinde alles, was ich erlebe, als Bereicherung. Ich war ganz nah am Tod. Meine Frau war plötzlich alleine und hatte riesige Angst, dass ich sterbe und sie mit zwei Kindern allein zurückbleibt. Wir hatten großes Glück.“

Pessimismus ist für Enderle ein Fremdwort. Aufzugeben und nur noch Trübsal zu blasen, kommt ihm „keine Minute“ in den Sinn. Seine Frau, Freunde, Nachbarn und Kollegen helfen ihm, sein Schicksal zu meistern. Er kämpft sich durch die Reha und beginnt den Wiedereinstieg in den Beruf. Da es sich um einen Arbeitswegeunfall handelt, unterstützt ihn die Berufsgenossenschaft. Vor allem aber ist es Enderles Chef Andreas Hintz, der ihm noch im Krankenhaus zusichert: „Komm zurück in den Ochsen.“ Enderle denkt: Wie soll das gehen? Hintz antwortet: „Wir finden etwas.“ Er habe die „moralische Pflicht“, ihm eine berufliche Perspektive zu schaffen, so der Chef. Und Hintz hält Wort, was Enderle bis heute rührt: „Sensationell, so etwas zu erleben.“